
Weihnachten 2004  Einsiedlers Heiliger Abend
von
Joachim Ringelnatz
Ich
hab' in den Weihnachtstagen Ich weiß auch warum -
Mir selbst einen Christbaum geschlagen, Der ist ganz
verkrüppelt und krumm. Ich bohrte ein Loch in die Diele
Und steckte ihn da hinein Und stellte rings um ihn viele
Flaschen Burgunderwein. Und zierte, um Baumschmuck und Lichter
Zu sparen, ihn abends noch spät Mit Löffeln, Gabeln und
Trichter Und anderem blanken Gerät.
Ich
kochte zur heiligen Stunde Mir Erbsensuppe mit Speck
Und gab meinem fröhlichen Hunde Gulasch und litt seinen
Dreck. Und sang aus burgundernder Kehle
Das Pfannenflickerlied. Und pries mit bewundernder Seele
Alles das, was ich mied. Es glimmte petroleumbetrunken
Später der Lampendocht. Ich saß in Gedanken versunken.
Da hat's an die Türe gepocht, Und pochte
wieder und wieder. Es konnte das Christkind sein.
Und klang's nicht wie Weihnachtslieder! Ich aber rief
nicht: "Herein!" Ich zog mich aus und ging leise Zu
Bett, ohne Angst, ohne Spott, Und dankte auf krumme Weise
Lallend dem lieben Gott.
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